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Bottom's Dream
Challenge Classics 2011
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Bottom's Dream
Das Interview. Lieske Spindler Guitars wurde 2009 gegründet. Zum 150. Geburtstag von Isaac Albéniz spielte das Duo die CD „Evocación“ mit Transkriptionen seiner Klavierwerke ein. Für diese Aufnahme standen den Gitarristen zwei legendäre Instrumente von Antonio de Torres zur Verfügung. Das Debut brachte Wulfin Lieske und Fabian Spindler euophorische Kritiken und den renommierten Gramophone Editors Choice ein.
Und nun mit „bottom´s dream“ ein Sprung in die Gegenwart. Ist das nicht sehr mutig?
Fabian Spndler (FS): Mir scheint, dass wir uns immer wieder dafür rechtfertigen müssen, wenn wir den Weg der klassischen Konzertgitarristen verlassen. Wir wollen uns aber nicht rechtfertigen, sondern überzeugen. Und die positiven Reaktionen unseres Publikums sind da ganz eindeutig. Es geht doch nicht um klassische Gitarre, sondern um Gitarre an sich. Die Wahl der Komponisten für diese CD haben wir auch getroffen, weil Mingus und Piazzolla ebenfalls zwischen mehreren stilsitischen Welten unterwegs waren. Mingus hatte ein Faible für Debussy, Ravel und Richard Strauss, während Piazzolla zu Beginn seiner Laufbahn geradzu panisch war, mit Tango, der Musik der Bordelle in Verbindung gebracht zu werden. Für beide waren diese Grenzgänge äußerst fruchtbar. Niemand würde die Bedeutung dieser Künstler heute in Frage stellen.
Wulfin Lieske (WL): Ich bringe das jetzt mal auf den Punkt. Wir scannen den weiten Bogen der Klassik zum Jetzt. Nach der „Evocación“, wo wir mit romantischer Musik von Albéniz dem Konzept der historischen Aufführungspraxis gefolgt sind, spielen wir mit „bottom´s dream“ nun Gegenwartsmusik, die nicht Avantgarde ist. Wenn Sie so wollen, ist das Popmusik im besten Sinne. Wir wollen authentisch sein und transportieren ein Lebensgefühl auf höchstem artifiziellen Niveau.
“Good Bye Pork Pie Hat” entstand als Hommage an den Tenorsaxophonisten und Klarinettisten Lester Young. Bekannt ist die Bearbeitung von Rock-Gitarrist Jeff Beck …
FS: … die auch ich im Ohr hatte. Aber ich wollte mit meiner Transkription möglichst nahe an das Original heran. Mingus war ja fasziniert von Young´s schlanker und heller Tongebung. Die Piano-Parts liegen garnicht gut auf der Gitarre, und dann gibt es noch die beiden Sopran- und Altsaxophone. Um einen authentischen Klang hinzubekommen, musste ich sehr viele Alternativen ausprobieren.
Der Titel spielt auf den Hut von Lester Young an.
FS: Das ist es aber auch, den „hört“ man wirklich nicht.
Zurück zu dem WIE. Sie spielen auf neuen Gitarren von Fritz Ober. Wie beinflussen diese Instrumente Ihre Herangehensweise als Virtuosen?
FS: Auch mit den Gitarren werden Epochen zusammengeführt. Die tief abgestimmten Instrumente vereinen klassische Bauprinzipien angelehnt an Torres und Hauser I. Durch Klarheit, Farbenreichtum und ihre Präsenz sind sie aber sehr wandlungsfähig, sodass sie für unterschiedliche stilistische Formen einsetzbar sind. Das lässt sich sehr gut an der interpretatorischen Herausforderung von Piazzollas „Tango Suite“ erläutern.
WL: Ich hatte noch das Glück, mit Piazzolla zu arbeiten. Streng genommen ist der Tango Nuevo meistens ein Stück zum Zuhören, weniger zum Tanzen; der Schwerpunkt liegt einfach anders. In der „Tango Suite“ haben Piazzollas Erfahrungen mit Jazz-Musikern deutliche Spuren hinterlassen. Es ist ein komplexes durchkomponiertes Werk, in dem alle Möglichkeiten zweier Gitarren bis an die Grenzen ausgelotet werden. Sie weinen, triumphieren und provozieren. Das melodische Espressivo kommt aber aus der spanischen romantischen Gitarrentradiiton eines Francisco Tarrega. Piazzolla wäre von den Gitarren begeistert gewesen.
„bottom´s dream“ ist nicht nur der Titel dieser CD, sondern auch eine Auftragskomposition für das Adelaide International Guitar Festival (2007).
WL: Das Festival ist ja eher pop-orientiert. Ich musste daher eine Ausdrucksform finden, die jenseits der Avantgarde meinen eigenen künstlerischen Vorstellungen entspricht. Ursprünglich bestand das Stück nur aus zwei Sätzen, „Tango melancolique“ und „westcoast“. Damals war es auch nicht für zwei Gitarren, sondern für Gitarre und Cello konzipiert. Die Uraufführung mit Rebecca Harris wurde zu einem so großen Erfolg, dass ich beschloss, es für unser junges Gitarrenduo umzuarbeiten und mit zwei weiteren Sätzen zu erweitern.
FS: Diese Suite macht einfach ungeheuer viel Spaß. Die vielen humoristischen Anspielungen an Größen wie Keith Jerrett oder Ravi Shankar begeistern mich immer wieder aufs Neue. Wulfin kann bei seiner Melange der verschiedenen Kulturen auf einen breiten Erfahrungsschatz und ein feines Gespür für Proportionen zurückgreifen, sodass ein spannendes sehr unterhaltsames Werk entstanden ist, das alles auf den Kopf stellt.
WL: Immer wieder suchten Komponisten stilistische Fusionen und Kontraste - von der Kombination unterschiedlicher europäischer Tanzsätze in barocken Suiten, Mozarts „alla turca“ bis hin zu Strawinsky's „tango aleman“. Und wie der erwachende verzauberte Handwerker und Laientheater-Spieler Zettel (bottom's dream) aus Shakespeare's „Sommernachtstraum“ fragt sich der Hörer, was er da im Traume wohl gehört hat: scheinbar vertraut wurde er blind vertrauend auf´s Glatteis geführt, entführt zu etwas Anderem, etwas sehr Persönlichem zwischen dekadentem Tango, dudelnder Westcoast- Gitarrenminimalistik, arabischen Oud-Improvisationen und treibender bluesiger Rock- Tour-de-Force á la Jimi Hendrix.
Wulfin Lieske (* 06. März 1956 in Linz/Österreich). Spielt neben der Klassischen Gitarre auch E-Gitarre. International anerkannt für sein sinnliches Spiel, sein enormes Spektrum an Dynamik und Klangfarbe sowie die vollkommene Beherrschung seiner Instrumente. Konzertierte in der Abbey von Iona, im Pariser Olympia und dem Wiener Konzerthaus. Als erster Interpret überhaupt widmete er eine CD dem legendären Gitarrenbauer Antonio de Torres. Zusammenarbeit mit Gidon Kremer, Astor Piazzolla und dem Hillard Ensemble. Improvisationen im Konzert und für CD. Komponiert Orchester- und Chorwerke, Kammermusik und Solo-Stücke. Auftragswerke u. a. für die EXPO 2000, das Cordoba-Festival (2010) und das WDR-Sinfonieorchester (2013).
Charles Mingus (* 22. April 1922 in Nogales/Arizona; † 05. Januar 1979 in Cuernavaca/Mexico). Bedeutender Jazz-Kontrabassist und Komponist. Lernte Posaune, Flöte, Cello und Klavier. Bass-Unterricht bei Hermann Rheinshagen, einem ersten Bassisten des New York Philharmonic Orchestra. Harmonie-Lehre bei Lloyd Reese. Zusammenarbeit mit etlichen Szene-Größen. Spielte in zahlreichen Band-Formationen als leader oder sideman. Seine Kompositionen weisen eine tiefe Bindung an Gospels und Blues auf, jedoch scheute er auch die Verarbeitung von Motiven der Mexikanischen Folklore nicht. Schallplatten-Aufnahmen wie “Mingus Ah Um” und “Fables of Faubus” machten ihn weltberühmt.
Fritz Ober (* 17. Mai 1955 in Rosenheim/Deutschland). Erhielt Gitarrenunterricht und begeisterte sich für Holzarbeiten. Fertigte noch vor seiner Ausbildung erste Instrumente für sich selbst. Ausbildung bei Buchsteiner und Lundberg. Konstruierte Lauten und kam erst später zum Gitarrenbau über die Restaurierung einiger der berümtesten Instrumente u.a. Hauser I, Santos Hernandez, Manuel Ramirez, Esteso, Simplicio, Bouchet, Friederich, Fleta sowie der berühmten „Leona“ von Antonio Torres ( FE 04 aus dem Jahre 1856). Ober fertigt grundsätzlich in Handarbeit nicht mehr als zehn bis zwölf Instrumente pro Jahr. Schuf einzigartige Replik der „Leona“, mit der ihm die moderne Umsetzung des originalen Klangbildes gelang.
Astor Pantaleón Piazzolla (* 11. März 1921 in Mar del Plata; † 04. Juli 1992 in Buenos Aires). Bandoneon-Virtuose und Komponist. Gilt als Begründer des Tango Nuevo. Komponierte zunächst unter dem Einluss von Bartok, Hindemith, Ravel und Strawinsky. Distanzierte sich sogar von frühen Tango-Kompositionen, weil diese Tanzform vor allem bei Argentiniens Oberschicht keinen guten Ruf genoss. Nadia Boulanger schließlich ermutigte ihn, eigene Wege zu gehen. So gelang ihm schließlich die Entwicklung eines prägnanten Stils unter Verknüpfung des herkömmlichen Tangos mit der bildungsbürgerlichen Tradition, der Unterhaltungsmusik und der Popkultur. Neben „Bandoneón“ für Pina Bauschs Tanztheater machen ihn Oper, Oratorium, Concerti und über dreihundert Tangos sowie annähernd fünfzig Filmmusiken unsterblich.
Fabian Spindler (* 11. Mai 1975 in Göttingen/Deutschland). Einer der vielversprechendsten Gitarristen der jungen Generation. Erhielt zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen, unter anderen in Montélimar, einem der weltweit höchst dotierten Wettbewerbe. Studierte bei Ansgar Krause in Köln und Alberto Ponce in Paris. Meisterkurse bei Manuel Barrueco und Oscar Gighlia. Spielt neben der Klassischen Gitarre auch E-Gitarre und arrangiert Repertoire für Lieske Spindler Guitars.
KoSi Consultment/Markus Sievers

