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Klangabenteuer an der Alz
Es war ein Klang-Abenteuer, das Wulfin Lieske und Fabian Spindler dazu veranlasste, von Köln am Rhein nach Burgkirchen an der Alz zu fahren. Der Burghauser Gitarrenbauer Frank Krocker stellte seine weltbekannten Frame-Gitarren bereit − umgedrehte Gitarrenhälse, die durch ummantelte Metallrahmen die Form einer Gitarre annehmen. Elektrisch verstärkt, erzeugensie recht genau denKlang der klassischen Gitarre – rückkopplungsfrei, für größte Säle geeignet. Wulfin Lieske, seines Zeichens Komponist, plant Größeres für zwei Gitarren und Symphonieorchester und hat bei Krocker das geeignete Instrument entdeckt.
Bevor das Duo seinen ersten Frame-Test vollzog, kamdas Publikum in den Genuss echter Holzgitarren: Zuerst edle spanische Instrumente von Ramirez (1912) und Hernandez (1925), dann zwei Neuentwicklungen des Münchner Gitarrenbauers FritzOber, die sich im Wesentlichen an der Hauser- Tradition orientieren. „Perfektion scheint eine bayerische Eigenart zu sein“, schwärmte Lieske, der nebenbei erfuhr, dass Hermann Hauser I., neben Torres der bedeutendste aller Gitarrenbauer, in Burghausen geboren wurde.
Lieske und Spindler gelten in der deutschen Gitarrenszene als derzeit innovativstes Duo. Und sie machten dem vorauseilenden Ruf alle Ehre. Die Albeniz-Duos (Tango, Evocacion, Castilla) erklingen vom ersten Ton an inspiriert, zwei Gitarren scheinen in tiefgründig warmemTon und zu einemInstrument zu verschmelzen.ClaudeDebussys viersätzige „Suite bergamasque“ erscheint in einer teils transkribierten Eigenbearbeitung, deren ausgedehnte Flageolett-Passagen und fein differenzierte Korrespondenzen wie impressionistische Lichtzelebrationen wirken – und jedenfalls auch wie Originalkompositionen. Wulfin Lieskes „Bottom’s Dream“ ist von melancholischer Schönheit und Aussagekraft und hat Potenzial, Klassiker der Duo-Literatur zu werden. In Charles Mingus’ „Good-Bye Pork Pie“ beweist das Duo rhythmisch wie harmonisch Nähe zum Jazz. „Emily’s Song“, ein hochromantisches Stück des Australiers Ross Edward, und diverse Zugaben entlassen ein kleines restlos begeistertes Publikum.
Noch einen Grund gab es für die Reise vom Rhein an die Alz: Am Montag waren Video-Aufnahmen geplant. Letztendlich wurde es für dasAusnahme-Duo doch ein recht erfolgverheißendes Intermezzo im Gitarrenbauerland Bayern.
Bernhard Furtner
Spontanität und Offenheit
Seit Ende 2009 firmieren die Gitarristen Wulfin Lieske und Fabian Spindler als ‚Lieske Spindler Guitars’ und sorgten Anfang 2010 mit der außergewöhnlichen Albéniz-CD ‚Evoción’ für Aufhorchen in der Klassik(-Gitarren-)-Szene. Denn beide Musiker spielten Albéniz Musik auf Originalinstrumenten des großen Antonio de Torres, dem Vater der modernen Konzertgitarre, dabei auch die längst legendäre „Löwin“, La Leona aus dem Jahr 1856. Wer jetzt allerdings diesem Duo eine gewisse Neigung zum scheinbar überkommenen neuspanischen Klangideal unterstellt, irrt sich gewaltig. Denn sowohl Wulfin Lieske, der auch als Komponist außerhalb der Gitarrenwelt hohes Ansehen genießt, als auch Fabian Spindler denken nicht in Schubladen, sondern sind stets offen für die unterschiedlichsten Stilistiken. Das beweisen die beiden Musiker auch im nachfolgenden Gespräche, wo sie viel über ihre Musikauffassung, ihre Herangehensweise und ihr allerneustes Projekt verraten.
Wie seid Ihr zusammengekommen? Wo habt Ihr Euch kennengelernt?
Fabian Spindler: Das war im Anschluss eines meiner Konzerte, wo Wulfin zufällig im Publikum saß. Wir sind ins Gespräch gekommen und beschlossen, einfach mal so aus Spaß ein wenig Duo zu spielen. Daraus hat sich schnell dieses Projekt ergeben. Wir beschlossen, ein Albéniz-Album aufzunehmen. Wir hatten das große Glück, dass wir neben Wulfins „Leona“ nach eine weitere Torres-Gitarre bekamen, auf der ich dann das Albéniz-Projekt einspielte. Danach sind wir nicht mehr zu bremsen gewesen. Es macht einfach einen Riesenspaß.
Wulfin Lieske: Wir waren uns sehr schnell einig, dass wir aus dem Bauch heraus über Musik entscheiden. Sowohl gestalterisch als auch in Bezug aufs Repertoire. Deswegen war dieses Projekt sehr schnell festgeklopft: Wir kannten uns gerade mal zwei, drei Monate – das war im Herbst 2009 – und bereits im Januar 2010 viel der Startschuss für die Albéniz-CD. Wir gaben uns sechs Monate Vorbereitung, wobei diese Zeit auch die Bearbeitung dreier neuer Albéniz-Werke miteinschloß, die noch nicht durch die alten Arrangements abgedeckt waren. Das Album ist sehr gut angekommen, weil die Kritiker und das Publikum auf diesen besonderen Klang, der aus der Verbindung Torres-Gitarren, der Art des Spielens und selbstverständlich des Repertoires entsteht. Musik spricht mit der richtigen Sprache – das, was Harnoncourt so schön „Klangrede“ nennt. Um einen Kollegen zu zitieren: „Der Klang von Albéniz ist ohne die Torres-Gitarre nicht vorstellbar“. Das ist eine Behauptung, klar, aber ich finde, dass das Album dies belegt: Diese Grundtönigkeit der Instrumente bringt eine Profundität in die Musik, die manchmal auf der Gitarre etwas verloren geht. Oft ergibt das so einen Fingerstyle, dabei kommt es darauf an, melodisch zu gestalten. Das scheint wiederum eine besondere Fähigkeit der Torres-Gitarren zu sein. Wir sind sogar so weit gegangen mit der Tárrega-Technik zu spielen.
Was heißt das konkret?
Liesek: Die ganz klassische spanische Schule: Ein fast rechtwinkliger Anschlag, angelegtes Spiel, eine starke Vibrato-Technik in der linken Hand, nach Art der Streicher, also entlang der Saite. Das bedingt sehr viele Lagenwechsel im Gegensatz zu diesem „pianistischen Querdenken“.
Aber Ihr habt doch sicher anders gelernt. Ist es dann nicht sehr schwer, von der modernen Technik auf die alte umzustellen?
Spindler: Für mich nicht – wobei ich nicht ganz rechtwinklig spiele. Wir beide haben einen relativ niedrigen Muskeltonus, so dass die Hand automatisch und ohne Anspannung diese Position einnimmt. In meinem Fall kommt hinzu, dass ich während meines Studiums bei Alberto Ponce in Paris diese Spieltechnik und Klangästhetik kennenlernte und teilweise übernommen habe.
Lieske: Das ist auch diese Tradition: Ponce, Pujol, Tárrega...
Spindler: Eben, außerdem habe ich schon immer im Duo beim Melodie-Spiel apoyando/angelegt gespielt. Das ist für mich ganz natürlich, denn ich fühle mich damit viel näher am Instrument. Hinzu kommt, dass die Torres-Gitarren die Tárrega-Technik geradezu verlangen. Würdest du in der modernen Technik spielen, wäre dieser besondere Reiz gar nicht da. Wobei es letztlich darauf ankommt, zuzuhören.
Lieske: Genau, darum geht es. Du kannst nicht einfach eine alte Gitarre nehmen und deinen Stiefel durchziehen. Du musst hören, dich hineinfühlen und genau wissen, was für eine Klangvorstellung umzusetzen ist. Das ist doch bei der E-Gitarre nicht anders.
Den Vergleich hätte ich jetzt nicht erwartet - von einem klassischen Musiker.
Lieske: Wir haben beide früher viel E-Gitarre gespielt und da unsere einschlägigen Erfahrungen gemacht. Die E-Gitarre ist für uns nicht etwa der Antichrist. Während das Albéniz-Projekt gewissermaßen einer historischen Aufführungspraxis folgt und somit authentisch konzipiert ist, gilt das auch für die neue Platte ;Bottom´s Dream´. Da gehen wir in eine andere, moderne Richtung, wobei diese Modernität konkret über den klassischen Tellerrand hinausgeht. Beispielsweise haben wir mit ‚Goodbye Pork Pie Hat’ ein Jazz-Stück drin. Aber darüber sollte besser Fabian reden.
Spindler: Es war meine Idee, ‚Goodbye...' fürs Duo zu arrangieren. Zunächst war erst mal nur klar, dass das neue Album modern sein wird. Wir einigten uns schnell auf die ‚Tango-Suite' von Piazzolla, die ich schon früher oft gespielt habe. Wir fragten uns: „Was machen wir noch?“ Da wir beide früher E-Gitarre spielten und viel Jazz hören – ohne dass wir uns als Jazz-Gitarristen bezeichnen würden -, kam ich durch meine Fusion-/Blues-Rock-Vergangenheit auf ‚Goodbye...'. Witzigerweise hatte ich das Stück vor allem in der Jeff Beck-Variante, den ich in meiner Teenager-Zeit ziemlich bewunderte, im Ohr. Für uns orientierte ich mich aber an der Original-Mingus-Aufnahme. Tatsächlich habe ich eine ziemlich exakte Ton-für-Ton-Transkription der Sextett-Aufnahme erstellt. Das war mitunter recht kniffelig, denn die Klavier-Voicings beispielsweise liegen nicht gut auf der Gitarre. Ich habe sehr viel rumprobiert, bis das passte und dabei nahe an dem Klang des Mingus-Sextetts bleibt.
Lieske: Er hat auch noch die beiden Altsaxophon-Chorusse, die einfach grandios improvisierte Soli sind und an auskomponierte Musik herankommen, übernommen. Das Arrangement war selbstverständlich eine Heidenarbeit: Den Bläsersatz, die Basslinie sowie die Alto-Chorusse und das Klavier zu transkribieren und dabei auch einen authentischen Klang hinzubekommen.
Spindler: Um an vorhin anzuknüpfen: Auch beim Mingus ging es darum, dass wir uns in die Stimmung des Stückes hineinversetzen und es dementsprechend spielen. Es geht nicht darum, eine bestimmte Spieltechnik sklavisch durchzuziehen, sondern sich für das zu entscheiden, was zum jeweiligen Stück passt. Ich spiele bei ‚Godbye...' beispielsweise die meiste Zeit mit der Daumenkuppe.
Lieske: Wir leben als Musiker eben in verschiedenen Welten und sind offen für andere Stilistiken, Spielweisen, aber auch Instrumente. Beispielsweise werden wir demnächst die FRAME Works-Gitarren von Frank Krocker ausprobieren. Ich selbst bin auch Komponist und sehe die Möglichkeiten, die sich mit diesen Instrumenten eröffnen - speziell im Zusammenspiel mit dem Orchester. Derzeit komponiere ich ein Doppel-Konzert für zwei Gitarren und Orchester, das sich gezielt die Möglichkeiten der FRAME Works-Gitarren zunutze macht. Aber davon abgesehen, bieten diese Instrumente sehr viel Potenzial für Werke mit Gitarre und Orchester, um von diesem Krampf, diesem Mikrofon-Gefummel weg zu kommen.
Lasst uns noch mehr über ‚Bottom´s Dream' sprechen. Zunächst zu den Instrumenten. Da hören wir keine Torres-Gitarren, oder?
Lieske: Auf der neuen CD spielen wir unsere Ober-Gitarren. Ihr Schöpfer, Fritz Ober hat übrigens auch die beste Leona-Kopie überhaupt gebaut. Und ich kenne sie alle. ‚Bottom´s Dream' stellt in gewisser Weise ein Show Case für Fritz´ Instrumente dar, denn wir zeigen, was sich alles aus ihnen herausholen lässt.
Wozu auch die Musik eine Plattform bietet: Abgesehen vom Mingus und dem Piazzolla stellt Wulfins Komposition die stilistische Vielfalt des Instruments heraus, oder?
Lieske: Ja, schon. Aber es geht tiefer. Das verbindende Element zwischen allen Werken – auch meinem – ist: Kein Stück ist, was es auf den ersten Blick und das erste Hinhören zu sein scheint. Der Mingus ist eine Art „very sophisticated“ Blues, aber eben kein konventioneller Blues, auch kein Standard-Jazzstück. ‚Goodbye...’ liegt irgendwo dazwischen. Das gilt auch für die 'Tango-Suite': Das ist zwar „Tango nuevo“, aber auch innerhalb Piazzollas Schaffen eine extrem durchkomponierte Musik, der nicht wie sonst oft eine ABA-Form zugrunde liegt. Bei meinen vier Stücken, die ‚Bottom´s Dream' ausmachen, ist es ebenso. Es fängt an mit dem Tango, in dem aber der Tango-Rhythmus umgekehrt, quasi verdreht ist. Nur wenn es wie ein Tango gespielt wird, funktioniert es auch. Die Melodien wiederum klingen eher französisch. Das würde vielleicht ein Bläser darüber spielen, wenn er über Tango improvisieren würde. ‚Westcoast' hingegen richtet sich an die Fingerstyler und es beginnt auch erwartungsgemäß mit diesen typischen Dudel-Figuren, die beim Rumprobieren automatisch herauskommen. Aber dann kommt plötzlich ein indisches Element rein – in Bezug auf die Melodien und die Rhythmen. Das Stück dudelt zwar weiter, aber 5/5/6er – das fällt aus dem Rahmen. Das gilt auch für die beiden anderen Stücke, ‚Oriental' und ‚Rush', das gewissermaßen eine Art Pseudo-Rock ´n´Roll ist.
Spindler: Als er mir die ‚Rush’-Partitur am Rechner vorspielte, lagen wir beide am Boden vor Lachen und ich bekam sofort Reisenlust, mit den Proben zu beginnen.
Lieske: Dennoch ist es trotz der banalen Themen wiederum viel zu komplex. Denn wie die Themen modulieren sowie die Funktion der Texturen und Kontrapunkte geht über Popmusik weit hinaus. Mein Agent hat mir ausdrücklich verboten, ‚Bottom´s Dream' „Art Pop“ zu nennen, obwohl es das schon umschreibt. Es geht auch nicht um Klassische Gitarre, es geht um Gitarre an sich, wenn du so willst um „Unplugged Nylonstring“ auf konzertantem Niveau.
Spannend. Zur Zeit arbeitet ihr bereits am nächsten Projekt...
Spindler: Ja, wir werden eine impressionistische Platte machen, die Grundidee kam von Wulfin, direkt nach Abschluss der Aufnahmen zu ‚Bottom´s Dream'. Derzeit erarbeiten wir die ‚Suite Bergamasque' von Debussy, die ich einbrachte, weil die schon immer eines meiner Lieblingsstücke von Debussy war. Die Bearbeitung entsteht übrigens tatsächlich während der Proben. Es ist nicht so, dass wir uns treffen und komplett ausgearbeitete Arrangements präsentieren, die dann nur noch einzustudieren sind. Es ist gewissermaßen ein Findungsprozess, denn getreu nach der Vorlage ist Klaviermusik ohnehin nicht auf der Gitarre spielbar. Es bedarf da auch eines gewissen Mutes und gerade Wulfin ist da als Komponist ziemlich mutig. Er scheut sich nicht, beispielsweise ein Bass-Stimme einfach nach oben zu legen, damit das Hauptthema in einer gutklingenden Lage auf der Gitarre liegt. Beim Proben erkennen wir dann schnell, dass es somit viel näher an der Idee des Komponisten ist – obwohl es sich von der Original-Partitur entfernt.
Lieske: Bearbeiten für Gitarre bedeutet Orchestrieren. Dabei geht es darum, zunächst den Geist des Werkes zu erfassen, dann den Mut zu haben, gewisse Stellen neu zu betrachten, zu ergänzen, abzuändern, so dass das Arrangement schließlich eine eigene Identität bekommt. Es ist vergleichbar mit einer literarischen Übersetzung, da ist ein guter Übersetzer auch mutig, indem er beispielsweise einen Reim nicht erzwingt, wenn es klanglich nicht stimmig ist. Ich habe von der Suite eine Grundbearbeitung erstellt, die wir derzeit gemeinsam veredeln. Hier zeigt sich wie schon bei Albéniz diese Freiheit der kreativen Arbeit, dass wir uns auf Bauch und Gehör verlassen, also intuitiv arbeiten – mit unserem ganzen Wissen im Hintergrund versteht sich.
Spindler: Genau das macht unser Duo aus: Dieser Spaß, mit Spielfreude und einem gewissen intuitiven Zugang an die Musik heranzugehen.
Dann noch viel Erfolg und Danke für das interessante Gespräch.
